Wie Gott will

Vertiefungswoche 2019

  „Vertiefungstage“, so bezeichnen wir seit Jahren unsere jährlichen gemeinsamen spirituellen Tage. Man könnte die Tage auch spirituelle Erneuerung nennen. Es geht in diesen gemeinsamen Zeiten um das Charisma und die Spiritualität von Regina Protmann unserer Gründerin.  

In diesem Jahr war unser Thema: Gott einen Ort sichern – Gelübde leben – Himmelreich leben

Wir sind in der glücklichen Lage, die ersten im Jahr 1583 von Regina Protmann aufgestellten Regeln zu besitzen. Wir machten in diesem Jahr die Gelübde zum Thema. Wir verglichen unsere Ordensregel mit einem moderneren heutigen Text.

Vielleicht denken Sie, liebe Leser oder Leserinnen, nun: was geht das mich in meinem Heute an. Mit dem kleinen Artikel, den Fotos und dem zu diesen Vertiefungstagen entstandenen Text, möchten wir Sie teilhaben lassen an unserem Leben, an unserem Miteinander-teilen und der Suche, im „Heute“ in dieser Lebensform „unterwegs“ zu sein. Reinhard Körner schreibt in einem kleinen Buch: „Die evangelischen Räte“ für alle sehr bedenkenswerte Sätze und ließ uns neu aufhorchen.

So möchte ich Ihnen, die Sie jetzt weiterlesen, das Gespräch zwischen einer Schwester und Regina Protmann, wir nennen sie Mutter Regina, vorstellen:

Gott einen Ort sichern – Leben der Gelübde - Himmelreich leben…

Vielleicht denken Sie, das Thema haben wir nun schon so oft gehört, - mir erscheint es im Moment sehr wichtig und aktuell: für uns, damit wir uns neu besinnen – aber auch für die Kirche, weil das Thema aktuell ist und mit dem Missbrauch zu tun hat.

Kann man nicht sagen, dass wir die Gelübde leben – damit Christus sichtbar sei?! Das gilt doch in unserer Zeit umso mehr, weil Kirche - Gott - Christus in unserem Land von vielen nicht mehr „gebraucht“ werden. Die Skandale zum Missbrauch tragen dazu bei, dass Ablehnung und Kirchenaustritte noch verstärkt werden. 

Bei der Frage, können wir dazu beitragen „dass Christus sichtbar sei“, habe ich nur die Antwort: Jede persönlich, aber auch jede Gemeinschaft kann sich immer wieder neu auf ein authentisches Ordensleben besinnen.

So ist es sicher im Moment sinnvoll, dass wir für unsere Vertiefungstage, das Thema „Gelübde leben im Heute“ gewählt haben, damit Christus sichtbar und Gott so ein Ort – in mir – in der Gemeinschaft – für die Menschen – egal wo immer wir auch sind – gesichert werde.

  Es ist vielleicht die immer neue Frage: Wo - Wie - suche oder sehe ich Christus in der Welt? Unser Vorbild, ihn zu suchen, ihn zu sehen, ist Mutter Regina, deshalb habe ich mit ihr ein Gespräch versucht. Ich habe ihr die Fragen gestellt, die unsere sein könnten – wenigstens immer mal wieder… Fragen, die Menschen vielleicht heute haben, wenn sie auf Kirche – Orden und Priester sehen.  

Gespräch mit Mutter Regina

Warum lebtest du dieses Leben, es hat dir von außen betrachtet nur Verzicht, Spott – oder Belächelt-werden eingebracht? Du hast das Elternhaus und somit viele Vorteile verlassen. Du warst dem gehorsam, was dir von Gott hergeschenkt worden ist – deiner Berufung. Du hast verzichtet – ja wirklich arm gelebt – hast ein Zeichen gesetzt für die Armen deiner Zeit. Hast auf Mann und Kinder verzichtet. Warum alles das?

Das sind ja viele Fragen auf einmal, die du mir da stellst. Ich könnte sie mit dem einfachen Satz beantworten: weil ich dies als Seinen Willen für mich erkannt habe. Weil ER mir das Wichtigste war und ich nach seinem Willen leben wollte.  

Der Wille Gottes, ich finde es so schwer, ihn im Heute bei all dem, was so verwirrend ist – was auf mich einströmt - zu erkennen.

Ja, da hast du recht, es war und ist nicht leicht, ihn zu erkennen. Vielleicht ist es für euch noch schwerer als für mich damals, weil die Stimmen eurer Zeit vielfältiger und verwirrender sind. Meine Welt war kleiner, ich kannte meine Heimatstadt, das, was ich im Elternhaus hörte, die sozialen und politischen Probleme der kleinen Stadt, aber auch, und das war sehr wichtig, was in der Kirche Thema war, die Reformation und ihre Folgen.

Ich mag heute manchmal nicht mehr hinhören auf die Nachrichten, die politischen und die kirchlichen; die Gerüchte und Aussagen über den Zölibat, das Leben im Orden und der Priester, nicht, weil ich mich heraushalten möchte, nein, weil es mir so schwer erscheint, Gegenargumente zu finden oder ein authentisches Leben zu bezeugen: dass Leben in dieser Form möglich und sinnvoll ist.

Vielleicht hilft es dir, wenn ich von mir und meiner Entscheidung erzähle. Ich war jung und sorglos – das Leben stand mir offen – so wie man damals sagte. Irgendwann merkte ich, das kann doch nicht alles sein. Ich suchte … hörte… wollte erkennen, was wichtig für das Leben ist. Gott sprach mich an, ich ließ mich ansprechen. So konnte ich mich dafür entscheiden, meinen Weg in seinen Spuren zu gehen.

Unter all den Stimmen deiner Zeit hast du SEINE Stimme gehört, sein Geist hat dich geführt, wie war das für dich?

Beglückend – erfüllend, aber es barg auch eine Unsicherheit in sich - was willst Du – was soll ich tun… Zunächst sah ich diesen Weg nicht klar vor mir, wusste nicht, „wohin“ das ging – ich wusste nur, dass ich für Gott gehen wollte – mit all meinen Kräften, mit meinem ganzen Sein. Deshalb konnte ich mich entscheiden für dieses Leben - in Freiheit – es war keine Bürde. Sicher war manches schwer und ein Verzicht, aber es gab ein Ziel: Gott zu lieben – ihn zu lieben, der uns zuerst geliebt hat; Gott zu dienen – IHM, der in Jesus unser Diener geworden ist. Lieben und Dienen können nicht nur Worte sein – sie müssen gelebt werden und das wollten wir.

Ja, das kann ich verstehen, das wollen wir doch auch. Wenn ich dies auf mein Leben übertrage, wie du am Beginn Armut gelebt hast – wie wir sie heute leben… da bleiben mir doch viele Fragen.

 Armut oder Elend sind nicht erstrebenswert – sondern das „Warum“, wie wir die Armut leben wollen. Besitz ist ja nicht schlecht. Wir brauchten Kleider, Nahrung, Häuser, um leben zu können. Wir beschränkten uns auf das Notwendigste, um materiell von dem zu teilen, was wir hatten, aber nicht nur das…   

Ihr hattet selbst sehr wenig und habt das Wenige auch noch geteilt – ganz konkret mit den Menschen in eurer Nähe!

Ja, das Materielle – aber auch unsere Zeit – unser Wissen – all die Fähigkeiten, die Gott uns geschenkt hat, versuchten wir einzusetzen. Wir wurden dadurch nicht ärmer, wir teilten unser Leben und wurden lebendiger.

Du würdest also sagen, wenn ich loslasse – teile – offene Hände – ein offenes Herz habe, dann lebe ich die Armut – dann gehe ich den Weg, den Christus gezeigt hat – dann werde ich lebendiger?

Ja, ganz sicher ist es so – die Armut ist ja nicht das Ziel, sondern, den Mitmenschen die Liebe in all ihren Facetten zu schenken, ihnen Christus zu zeigen, ein anderer Christus zu sein.

Dann ist das mit dem Gehorsam genauso?

Ja, … ich - wir – die kleine Gemeinschaft haben uns bemüht, auf Christus zu hören, auf ihn zu schauen… Wir hatten ja auch unsere Träume, unsere Vorstellungen, Ideen und Pläne. Da war es wichtig zu lernen, wie Jesus den Gehorsam gelebt hat. Theologisch kann man da sagen: Er ließ seine Gottheit… er ließ sich vom Vater senden – in diese konkrete Welt – als Mensch unter Menschen. 

Gehorsam ist also HÖREN und sich senden lassen, so wie die Propheten es getan haben: Hier bin ich, sende mich. Mich senden lassen in eine unbekannte Zukunft – auf unbekannten Wegen – aber immer mit dem Ziel, mit Christus unterwegs sein zu den Menschen? 

Ja, was nicht immer einfach war. Ich habe gesagt, am Anfang steht das Hören, das Hören auf Gott – so ist Gehorsam gemeint: Hören - sich Zeit nehmen – Entscheidungen treffen – gehorchen.

Das ist ja eine große Verantwortung auf beiden Seiten: gemeinsam Hören – daraus entsteht dann das Handeln… Gehorsam heißt also auch: jede Schwester muss, darf mitdenken und nicht die eigene Urteilsfähigkeit abgeben –weil es vielleicht bequemer ist zu tun, was mir gesagt wird und ich dann keine Verantwortung habe für das, was geschieht.

Das Denken, die Vernunft und das Gewissen sind im Gehorsam aktiv gefragt. Du bist gesandt in diese konkrete Gemeinschaft, in diese Zeit und du musst mithören auf die Zeichen der Zeit - musst und darfst dich in Freiheit einsetzen, dass der Wille Gottes gehört und gelebt wird. Gehorsam ist durchaus etwas ganz Aktives. Ja, er hat den Sinn, den Willen Gottes gemeinsam zu finden und dann zu leben.

Jetzt verstehe ich: Vor einiger Zeit fand ich einen Text: „Wenn man von Gehorsam spricht, darf man nicht gleich an Befehle denken, die ausgeführt werden müssen, an Vorgesetzte, denen man gehorchen muss. Gehorsam kommt vom Hören, Horchen, ganz Ohr sein, wahrnehmen, aufnehmen, an sich herankommen lassen, zulassen was ist.“

Ja, genauso sollte es sein…

Das war nun alles schon sehr viel, darf ich dir noch eine Frage zur Keuschheit oder Jungfräulichkeit stellen, das beschäftigt mich gerade im Moment sehr.

Sicher darfst du fragen, gerade das Gelübde wird für euch heute in Frage gestellt oder als unsinnig erklärt.

Wie konntest du es leben – was stand für dich dahinter in deiner Zeit?

Es war wie Armut und Gehorsam ein evangelischer Rat, den ich nie in Frage stellte – er gehörte für mich zu dieser Lebensform, die ich gewählt hatte. Für mich war die Keuschheit nicht negativ besetzt, aber es verlangte trotzdem einen Verzicht – den Verzicht auf Mann und Kinder. Aber ich habe mich entschieden, um Christi willen!

Hast du gedacht, dass Christus diesen Verzicht will und damit dein Leben ärmer macht?

Nein, er hat mich gerufen, ich habe in Freiheit ja gesagt, um anders bei den Menschen sein zu können. Ich bin weiter eine liebende Frau und Mutter geworden – geblieben – wenigstens denke ich das.

Du bist zu den Menschen gegangen – hast ihnen deine Nähe – deine Liebe – deine Zuwendung geschenkt – deine Zeit und deine Gaben…

Ja, das war nicht immer nur leicht, aber es hat mich froh gemacht, den Armen und Kranken, vor allem den Kindern, meine Liebe schenken zu können und so auch Mutter sein zu dürfen.

So wie Maria dem Engel geglaubt hat, so hast du gehört und hast „Christus“ geboren.

Maria hat ja gesagt zu dieser Mutterschaft ohne zu wissen, wie es sein würde. Sie hat sich „eingelassen“ auf Gott – so habe ich es immer wieder neu getan – in den unterschiedlichsten Situationen.

Mir fällt es heute sehr schwer von Jungfräulichkeit, Keuschheit oder Ehelosigkeit zu sprechen – weil dieses dritte Gelübde viel diskutiert, zerrissen und nicht verstanden wird.

Egal wie man es auch bezeichnet, es muss einem größeren Ziel dienen: dem Himmelreich. „Um des Himmelreiches willen“ kann dabei bedeuten, dass ich Gott in mir Raum gebe, dass Gott in mir herrscht. Durch die, die es leben, soll etwas von Gottes Nähe, Liebe und Zuwendung in der Welt sichtbar werden. 

Theoretische Worte und Vorträge werden es nie ganz verstehbar machen. Ein authentisches Leben in Gemeinschaft ist sicher das beste Zeugnis. Das hört sich vielleicht groß an, aber hier kann die Liebe geboren werden… „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“. 

Danke, nun haben wir viel und lange gesprochen. Dein Zeugnis und unser gelebtes Leben sind größer und wichtiger als viele Worte.

Erbitte du uns die Gnade, so leben zu können, dass Gottes Liebe sichtbar wird – auch ohne viele Worte und große Bekenntnisse.

  (Dieses Gespräch ist vielleicht besser zu verstehen, wenn man weiß, das Regina Protmann 1552 in Braunsberg/Ermland in Ostpreußen geboren wurde und mit 19 Jahren die Kongregation gegründet hat.)

Für uns, die Gemeinschaft, waren die Tage der Vertiefung gute -manche Schwestern sagen anstrengende Tage – aber es hat uns neu aufhorchen lassen…, um den gewählten Weg weiterzugehen.

Sr. M. Christina



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